Gladio

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Zitat:
"Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen Spiel waren. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten das italienische Volk dazu bringen, den Staat um grössere Sicherheit zu bitten. Diese politische Logik liegt all den Massakern und Terroranschlägen zu Grunde, welche ohne richterliches Urteil bleiben, weil der Staat sich ja nicht selber verurteilen kann."

Vincenzo Vinciguerra, 1990 wegen Mordes an drei Carabinieri verurteilter Rechtsextremist und Gladio-Mitglied (Daniele Ganser: " Nato-Geheimarmeen und ihr Terror. In: "Der Bund", Bern, 20.12.2004, S. 2)

"Terror eignet sich mehr als irgendeine andere militärische Strategie dazu, die Bevölkerung zu manipulieren."
Dr. Daniele Ganser, Historiker und Gladio-Forscher (Quelle: Der Europäer, Jg. 9 / Nr. 6 / April 2005)


Gladio ist das lateinische Wort für Schwert. Hinter diesem Namen verbarg sich während des Kalten Krieges eine Geheimoperation von NATO, CIA und dem britischen Geheimdienst MI6. Zweck von Gladio war es eigentlich im Falle einer Besetzung des jeweiligen Landes durch Truppen des Warschauer Pakts Guerillaoperationen und Sabotage durchzuführen, sogenannte "stay-behind"-Operationen. Dafür wurden schwerpunktmäßig in Italien, aber auch allen anderen westeuropäischen Ländern Mitglieder z.B. aus militärischen Spezialeinheiten, Geheimdienstkreisen und Rechtsextremisten rekrutiert (ein bekannter krimineller Hintergrund bildete dabei kein Hindernis) und zu Gladio-Agenten ausgebildet sowie europaweit geheime, illegale Waffendepots angelegt.

Die Existenz von Gladio wurde 1990 vom italienischen Untersuchungsrichter Felice Casson nach Recherchen in den Archiven des Militärgeheimdienstes SISMI aufgedeckt. Seine Nachforschungen beweisen, dass Agenten des italienischen Gladio-Zweigs von den 60ern bis in die 80er Jahre hinein zahlreiche politisch motivierte Terroranschläge und Morde in Italien begangen hatten, die dann von einem Netzwerk geheimdienstlicher Stellen durch Fälschung von Beweisen und gezielte Verbreitung von Falschinformationen linksextremen Terroristen zugeordnet wurden.

Die Äußerung des italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti bei einer Cassons Aufdeckungen folgenden parlamentarischen Untersuchung, dass Gladio auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern existierte, löste einen europaweiten politischen Skandal aus. Weitere Untersuchungskommissionen folgten auch in diesen Ländern. Das EU-Parlament protestierte heftig gegenüber der NATO und den beteiligten Geheimdiensten und stellte fest, dass "diese Organisation [Gladio] über 40 Jahre hinweg außerhalb jeder parlamentarischen Kontrolle verdeckte geheimdienstliche und bewaffnete Operationen in mehreren Mitgliedsländern der EU betrieben" hatte, dass "die Militärgeheimdienste bestimmter Länder erwiesenermaßen in gravierende Terrorakte und kriminelle Aktivitäten verwickelt waren" und dass die Urheber über Gladio illegalen Einfluss auf die Innenpolitik zahlreicher EU-Staaten genommen hätten (Daniele Ganser: " Nato's Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. Frank Cass, London 2005).

Dem Historiker " Dr. Daniele Ganser verdanken wir die bisher einzige länderübergreifende, unabhängige " Untersuchung zu Gladio (Forschungsprojekt an der ETH Zürich):
Zitat:
"Die Stay-behind-Armeen waren dem Volk, dem Parlament und den meisten Regierungsmitgliedern unbekannt und bildeten in ganz Westeuropa ein unsichtbares, koordiniertes, geheimes Sicherheitsnetz. In einigen Ländern, aber nicht in allen, mutierten die Sicherheitsnetze jedoch auch zu Terrorzellen. [...] Washington, London und der italienische militärische Geheimdienst befürchteten, dass der Einzug der Kommunisten in die [italienische] Regierung die Nato von innen heraus schwächen könnte. Um dies zu verhindern, wurde das Volk manipuliert: Rechtsextreme Terroristen führten Anschläge aus, diese wurden durch gefälschte Spuren dem politischen Gegner angelastet, worauf das Volk selber nach mehr Polizei, weniger Freiheitsrechten und mehr Überwachung durch die Nachrichtendienste verlangte."
Seine Forschungsergebnisse lassen sich im Buch "" Nato's Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe" nachlesen. Spannend und IMO echt lesenswert. Eine kurze deutsche Zusammenfassung bietet der Artikel "" Nato-Geheimarmeen und ihr Terror" der Schweizer Tageszeitung "Der Bund", eine etwas ausführlichere der 28-seitige Artikel "" Terrorism in Western Europe: An Approach to NATO’s Secret Stay-Behind Armies (aus: "" The Whitehead Journal of Diplomacy and International Relations").

Zu Gladio zugerechneten Anschlägen zählt auch der Bombenanschlag auf dem Oktoberfest 1980. Nach offizieller Verlautbarung war der rechtsradikale, bei dem Anschlag getötete Waffennarr Gundolf Köhler ein Einzeltäter. Mitglieder der tatverdächtigen rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann führten die Ermittler zu dem späteren Hauptzeugen Heinz Lembke, der sie nach ihren Angaben mit Waffen und Sprengstoff versorgt habe. Lembke erwies sich als Eigentümer von 33 illegalen Waffen- und Sprengstoffdepots (mit automatischen Waffen, 14.000 Schuss Munition, 50 Panzerfäusten, 156 kg Sprengstoff und 258 Handgranaten). Nachdem Lembke ausführliche Aussagen zu seinen Hintermännern ankündigte, fand man ihn einen Tag vor seiner Vernehmung durch einen Staatsanwalt erhängt in seiner Gefängniszelle. Die Ermittlungen verliefen danach im Sande. Es gab von SPD- und Grünen-Abgeordneten parlamentarische Anfrage, die aber auch nur zu der Antwort des Innenministeriums, dass es keine Zusammenhänge mit Gladio gäbe, führten.

Hierzu gibt's - aktuell - auch wieder einen Artikel bei Telepolis: "" Zweifel an der Theorie vom verwirrten Einzeltäter"


Eng verbunden mit Gladio ist der nachrichtendienstliche Begriff "strategia della tensione" - "Strategie der Spannung", der ein Konglomerat aus verdeckten Maßnahmen zur psychologischen, gesellschaftlichen und/oder politischen Verunsicherung / Destabilisierung eines Staates, einer Region oder Bevölkerungsgruppe umfasst. Mittel zum Zweck sind dabei, unter strengster Geheimhaltung von Tarnorganisationen ausgeführte, illegale und in der Regel gewaltsame Aktionen wie Entführungen, Morde, Terroranschläge oder paramilitärische Operationen, meist begleitet von Desinformation, psychologischer Kriegführung und wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen. So schürt man Unruhen, lässt sie mittels Agents provocateurs zielgerichtet eskalieren. Die Schuld wird dabei durch (wie wir es schon von Gladio kennen) Desinformation, gezielte Streuung entsprechender Gerüchte sowie Fälschung von Quellen auf eine bestimmte politische, religiöse oder ethnische Gruppe gelenkt.

Das so herbeigeführte Klima der Verunsicherung und Angst in der Zielbevölkerung führt logischerweise zu mehr Toleranz gegenüber repressiven Maßnahmen des Staates wie Einschränkung von Bürgerrechten, verstärkter Überwachung, Anti-Terror-Maßnahmen usw., um die scheinbar gefährdete Sicherheit wiederherzustellen, kurz, zum Ruf nach einer "starken Hand", die Ordnung schafft. (Nachtigall, ich hör dir trappsen? <img src="http://forum.grenzwissen.de/images/smilies/wink.gif" alt="" title="Augenzwinkern" class="inlineimg" border="0"> Klingt doch sehr vertraut grad, oder?

Siehe auch " hier)

Wo liegt nun die Motivation für all dies Tun?

Betrachten wir uns einmal Anwendungsbeispiele der "Strategie der Spannung":
  • Chile: Hier arbeiteten CIA und der chilenische Geheimdienste DINA zwecks Sturz der gewählten Regierung und des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende zusammen. Mittel waren dabei u.a. auch landesweite Streiks in wichtigen Industriezweigen zur Schwächung der Wirtschaft, die man Allende zuschrieb. Nach dem Putsch gegen ihn 1973 begann dann die systematische Verfolgung, Folterung und Ermordung von Sozialisten und Gewerkschaftern unter dem Deckmantel der Bekämpfung von "Subversiven" und "Terroristen".
  • Italien: Hier unterstellte man in den 70er und 80er Jahren "offiziell" zahlreiche von rechtsgerichteten geheimdienstnahen Kräften begangene Terroranschläge der extremen Linken.
  • Südafrika: Von südafrikanischen Sicherheitsdiensten nahestehenden Gruppen in den 80er und 90er Jahren verübte Terroranschläge und Morde wurden der schwarzen Widerstandsbewegung African National Congress (ANC) unterstellt (siehe auch diesen " Bericht)

Scheinbar immer, wenn Teile der Bevölkerung, insbesondere wirtschaftliche oder politische Eliten sich und ihre Macht durch politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Umwälzungen (z.B. religiösen Fundamentalismus, ethnische Spannungen, Kommunismus, Kapitalismus, Demokratisierung) bedroht sehen oder von akuten / strukturellen Problemen eines Staates / einer Regierung, von korrupten Eliten, abgewirtschafteten Systemen, Endphasen einer Staatsform ablenken wollen, wird das "Spiel" "Spannung und Angst erzeugen" verlockend. So lässt sich die Bevölkerung bestens mit ins Boot bekommen, um mittels Ausbau von Überwachung etc. die Macht zu erhalten / wieder zu erlangen etc. und unliebsame Gegner auszuschalten / klein zu halten sowie unliebsame Entwicklungen zumindest zu verzögern.


Und in welcher Lage befinden wir uns gerade? Wer kämpft zur Zeit gerade um seinen Machterhalt? Wirtschaft? Neoliberalismus? ...

Überhaupt, was ist aus Gladio geworden? Kaum anzunehmen, dass sich so eine Organisation in Luft auflöst, oder? Insbesondere, wo nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion massig bestens ausgebildete Geheimdienstler und Militärs auf der Straße standen...


Weitere Links (von Acolina)

So, habe noch einige interessante Links zu Gladio´:
Interviews mit Daniele Ganser
... weitere interessante Links (englisch, italienisch etc.) " hier .